Warum studiere ich als junger Mensch dann heute noch Jura?
Das ist eine Frage, die sich heutzutage mindestens 80% der Abiturienten stellen, die Jura auf ihrer Studienwahl-Ranking-Liste haben.Was könnte ich mit diesem Schnitt denn mal studieren? Ich will etwas Altbekanntes, auf das ich aufbauen kann und auf jeden Fall ein Fach mit Zukunft. Wie wär’s mit Jura!? Aber ist das heute wirklich noch der richtige Entscheidungsmaßstab? Die Kanzleien sind überfüllt, das Studium, zumindest in Bayern, alles andere als ein Zuckerschlecken und ein Einstiegsgehalt von 150.000 Euro im Jahr verspricht einem auch niemand.
Ich bin eine dieser Personen, die sich vor zwei Jahren nach einer spontanen Eingebung für das Studium der Rechtswissenschaft entschieden hat. Obwohl ich die Probleme aus der eigenen Kanzlei meiner Eltern noch von vielen Mittagessen im Gedächtnis habe, als wäre es erst gestern gewesen, und den juristischen Wandel hautnah aus ihren Erzählungen miterlebte, verschlug es mich dennoch in dieses Wissensgebiet. Aber der gedankliche Hintergrund, der zu meiner Entscheidung führte, beruht auf anderen Grundlagen, als jenen, der damaligen Generationen.
Ich habe mein Studium nicht mit der Zielsetzung begonnen, die acht Semester Bürgerliches Recht, Strafrecht, Öffentliches Recht und Co im Eilverfahren zu erlernen, um dann nach der Referendariatszeit und dem zweiten Staatsexamen in den Alltag eines Rechtsanwalts, Richters oder Notars einzusteigen. Jura ist ein Grundlagenfach, das einen in vielen Bereichen des Lebens weiterbringt und ermöglicht, Dinge anders zu betrachten und zu beurteilen. Es ist vergleichbar mit der Fächerwahl im Gymnasium, ob man sich im Laufe seiner Schulzeit für Latein entscheidet oder lieber an den noch „lebenden“ Sprachen, wie Englisch und Französisch, festhält. Latein lässt sich zwar für den alltäglichen Sprachgebrauch eher selten anwenden, aber es hilft einem, die Grammatik in allen anderen Sprachen - und auch in der eigenen deutschen - in der Tiefe zu verstehen.
So ähnlich verhält es sich mit dem heutigen Rechtsverständis. Natürlich sind die Paragraphen weiterhin für alle Arten von Verträgen und Rechtsgeschäften regulär anzuwenden, aber das worauf Recht aufbaut, das wirklich Entscheidende zwischen Recht und Unrecht, die Sicherung von Gerechtigkeit in der Gesellschaft oder die Beachtung von Billigkeitserwägungen, ist eine Sache die immer mehr in Vergessenheit gerät. Genau das führte auch dazu, dass das Gebiet der Rechtswissenschaft immer mehr ausgeweitet und von den Studenten in der Tiefe verstanden werden will.
Ich habe nicht vor, in fünf Jahren in einem dunklen Raum, umgeben von Gesetzestexten, zu sitzen und rauszufinden, welchen Paragraphen ich wie noch weiter auslegen könnte, um das deliktische Handeln meines Klienten doch als gerechtfertigt darstellen zu können.
Meine Zielsetzung geht dahin, Jura zu verstehen, den noch immer andauernden Wandel, sowie seine Quellen zu begreifen und mich mit dem Rechtsverständis anderer Kulturen und Länder zu beschäftigen, um letztendlich ein für alle billiges und gerechtes Rechtsgebiet zu erschaffen.
Die Globalisierung ermöglicht es den Studenten heutzutage über Studienprogramme wie Erasmus, sowohl an der eigenen Uni, als auch an ausländischen Universitäten ihr Studium zu absolvieren und sich über genau solche Thematiken mit anderen Studierenden auszutauschen.
Es gibt zwar sicher auch heute noch viele, die Jura studieren, weil sie sich in der Welt der Paragraphen, Gesetzestexte und Kommentierungen vergraben wollen, aber das neuzeitliche juristische Denken zielt immer mehr darauf ab, die Rechtswissenschaft, ihre Geschichte und Philosophie verstehen zu lernen und durch die Ausweitung in andere Lebensbereiche einen gemeinschaftlichen, positiven Wandel vornehmen zu können.
(Sandra Berger, 21)




